Augenschein

Opernball

Seit über 40 Jahren ist er mein liebster Indikator, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie es mit meiner heimischen Gesellschaft „Österreich“ weitergeht, wohin sie sich entwickelt: der Wiener Opernball, genauer gesagt, die ORF-Übertragung des Opernballs. Kybernetiker interessiert nämlich vor allem die Information, die von und in einem System erzeugt und verbreitet wird, samt ihrer Wirkung. Und warum das?
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Augenschein
Gemälde, Öl auf Leinwand, Martin Pruckner, Copyright: Sie dürfen das Bild ansehen, aber nicht zu anderen Zwecken benützen, nicht weiterverbreiten und nicht bearbeiten,

Davon, welche Informationen in einem sozialen System entstehen und welche Auskunft diese Informationen diesem System über dieses System geben, hängt aus kybernetischer Sicht ab, wie gut oder schlecht sich dieses System entwickeln wird. In diesem Sinne ist es interessant, wer in einer Liveübertragung mit welcher Botschaft und welchen Begleitsignalen vor die Kamera gebeten wird, wer sich ins Bild drängt, wer versucht, sich ins Bild zu drängen, wer sich vergeblich ins Bild drängt, wer sich nicht vor den Kameras blicken lässt, usw.

Was ich seit Jahren u.a. beobachte, ist das zunehmende Entstehen einer mir vom ORF vorgestellten Prominenz, die ich nicht kenne, wenn es sich nicht gerade um Politiker oder Künstler handelt. Und die Hartnäckigkeit, mit der das Krönchen der Debütantinnen immer noch als „Tiara“ bezeichnet wird, obwohl es eigentlich ein „Diadem“ ist und bestenfalls auf Englisch mit entsprechender Aussprache als „tiara“ bezeichnet werden könnte.

Meine Phantasie beschäftigt das jedes Mal heftigst. Zwar finde ich es durchaus witzig, mir Debütantinnen mit einer Tiara = Papstkrone auf dem Kopf vorzustellen. Aber Köpfe von Päpsten mit einem Diadem drauf? Das quält mich, obwohl ich nicht katholisch bin.

QUELLE: https://pixabay.com/de/photos/ball-kleid-prinzessin-queen-frau-4663768/ URHEBER: Victoria Borodinova BEARBEITET: Maria Pruckner
Papst Benedikt XVI in Berlin 2011 QUELLE: https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Papst_Benedikt_XVI_in_Berlin_2011.jpg URHEBER: WDKrause BEARBEITET: MARIA PRUCKNER

Tiara hin und Diadem her, das ist nun wichtig? Aus wirtschaftlicher Sicht vielleicht so wichtig oder unwichtig wie der Opernball selbst. Die Umwegrentabilität des Opernballs wird seitens der Wiener Staatsoper meist nur in Worten als „beträchtlich“ dargestellt, es geht pro Opernball um mehrere Millionen Euro. Denke man, rein wirtschaftlich, alleine ans Einkaufen gehen, wird es vielleicht nicht gleich echt blöd, wenn man eine Tiara kaufen möchte. So mancher Juwelier wird vermuten, dass man ein Diadem wünscht und nicht gleich an den Vatikan verweisen. Die Behauptung hingegen, ein Papst würde ein Diadem tragen, könnte eine diplomatische Krise auslösen, mit echt blöden sozialen und wirtschaftlichen Folgen.

Diadem hin und Tiara her, beides soll nur als Beispiel dienen. Denn das wahrlich Problematische in der Wirtschaft ist der Umgang mit der Sprache an sich, der sich im Management zu krankhaftem Wahnsinn ausartet. Da wird etwa schon so gut wie immer „Controlling“ mit „Kontrolle“ verwechselt, „Kybernetik“ mit „Esoterik“, „Marketing“ mit „Werbung“, usw.

In einem Gespräch mit einem „Managementexperten“ habe ich das einen Tag vor dem heurigen Opernball erwähnt, dass Fachsprachen den Zweck der raschen und sicheren Verständigung hätten und Fachleute untereinander oft nur ein, zwei Worte benötigten, um die Aussage eines ganzen Buchs zu treffen. Er hat mich nur ungläubig angeglotzt: „Nein?! Echt!??? Ist nicht wahr!“ Was soll man da noch tun? Sich ein Diadem auf den Kopf setzen, behaupten, dass es eine Tiara ist und so tun, als wäre man der Papst? Das muss nicht Ihr Problem sein.

Das aber ist in Problem für jeden: Viele Fehler, die in komplexen Systemen auftreten, sind leider, leider irreparabel. Sie lassen sich nicht und nicht mehr aus der Welt schaffen. Mit den Tiaras auf den Köpfen der Opernball-Debütantinnen scheint das zum Beispiel der Fall zu sein. Es geht leider nicht alles, auch wenn man das heute gerne glaubt.

Diesen Beitrag widme ich daher zwei wahrlich Großen, die unter echten Experten bis heute hohe, ja höchste Prominenz genießen und die beide aus Gründen der Sicherheit und Wirtschaftlichkeit äußerst eindringlich einen sorgfältigen Umgang mit der Sprache eingefordert haben.
In Memorian
dem besten Chef, den ich je hatte: Univ. Prof. Dr. Klaus Wolff
dem Stefan Zweig der Managementtheorie: Prof. Dr. Hans Ulrich